Forschung verändert die Gewebemedizin

Die Erfolge des Tissue Engineering und neue Ansätze aus der Forschung eröffnen der Gewebemedizin ungeahnte Möglichkeiten. Vieles, was vor Jahren noch experimentell erschien, ist heute in der medizinischen Anwendung angekommen. Gewebespende, Gewebeprozessierung und Transplantation werden sich in den nächsten Jahren weiter verändern. Es ist noch ein langer Weg, bis Ärzte im Labor gezüchtete Organe und Gewebe transplantieren können. Deshalb behalten klassische Gewebetransplantationen auch weiterhin ihre hohe Bedeutung für die Versorgung kranker Menschen. Parallel geht auch im Gewebenetzwerk die Forschung zur Entwicklung neuer Prozessierungs- und Operationsmethoden weiter.

Egal ob Augenhornhaut, Herzklappen, Blutgefäß oder Knochenimplantat – der Trend zur Verbesserung der Gewebetransplantate ist unumkehrbar. Die Hornhautchirurgie entwickelt sich immer mehr hin zu lamellären Operationstechniken. Ärzte ersetzen dabei nur eine Schicht der erkrankten Hornhaut. Seit 2015 haben wir die Erlaubnis, vorpräparierte Hornhautlamellen für DMEK abzugeben.

Ungeahnte Möglichkeiten der Anwendung der Amnionmembran eröffnen neue Therapieoptionen. Zurzeit forschen wir an einer nahtlosen Anwendung von Amnion am Auge. Die Vorstudien sind vielversprechend. Sobald die Sicherheitsstudie an drei Transplantationszentren abgeschlossen ist und die Genehmigung des PEI vorliegt, stehen wir vor einem Durchbruch bei der Behandlung von Hornhauterkrankungen des Auges.

Dezellularisierung ist das Stichwort bei der Prozessierung und Transplantation von Herzklappen. Wir sind Partner einer EU-geförderten Studie zu lebenslang haltbaren Herzklappen – ESPOIR – Clinical Study for the Application of Regenerative Heart Valves. Vieles spricht dafür, dass dezellularisierte Herzklappen länger halten als bisherige Herzklappen und bei Kindern sogar mitwachsen.

Zahlreiche weitere Projekte und Studien sind in Arbeit. Sobald Ergebnisse vorliegen, informieren wir darüber.

Netzwerkpartner für Forschung gesucht

Forschung ist der Motor, der die Gewebespende und -transplantation vorantreibt. In unserer GMP-Anlage in Hannover gibt es dafür ideale Bedingungen.

Unsere GMP-Anlage in Hannover bietet ideale Voraussetzungen für Forschung und Entwicklung.

Viele der anstehenden Aufgaben und Studien sind nur im Netzwerk lösbar. Wir möchten Expertinnen und Experten aus Forschung und Praxis einladen, Ideen zu sammeln, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und diese, in die klinische Anwendung zu überführen. Unser Ziel ist der Transfer von Forschung in die Anwendung. Wir unterstützen Wissenschaftler auf diesem langwierigen Weg: mit unserer flächendeckenden Infrastruktur, bei der Durchführung von Studien und unserer wissenschaftlichen Expertise. Unser Gewebenetzwerk verbindet den Forschungsgedanken über Ländergrenzen hinweg. Im Mittelpunkt stehen die

  • Etablierung neuer wissenschaftlicher/technologischer Verfahren
  • Unterstützung und Durchführung von Studien und Forschungsarbeiten
  • Organisation von Arbeitstreffen zum wissenschaftlichen Austausch
  • Zusammenarbeit mit internationalen Partnern

Durch die Vernetzung mit Forschern, Entwicklern und Anwender entstehen bemerkenswerte Potentiale, die u.a. in folgenden Projekten umgesetzt werden.

European Clinical Study for the Application of Regenerative Heart Valves – ESPOIR

Die DGFG ist Partner der europaweiten Studie ESPOIR zu lebenslang haltbaren Herzklappen. Ziel ist es, eine Spenderherzklappe so zu verändern und zu transplantieren, dass sie nicht abgestoßen wird, ein Leben lang hält und bei Kindern sogar mitwächst. Die Herzklappen werden durch ein aufwändiges Verfahren von Ihren Zellen befreit. Nur ein Gerüst aus Kollagen bleibt übrig. Dieses dezellularisierte Gerüst wird im Empfängerorganismus durch körpereigene Zellen rebesiedelt. Vieles spricht dafür, dass diese Herzklappen wesentlich länger halten als bisherige Herzklappen.

 

AmnioClip+

Augenärzte behandeln Augenhornhauterkrankungen bzw. -verletzungen häufig mit Amniontransplantaten. Diese von der mütterlichen Plazenta stammende Membran weist hervorragende antientzündliche und wundheilungsfördernde Eigenschaften auf. Bisher fixieren Augenärzte das Transplantat mittels Naht am Auge des Patienten. Das bedeutet eine zusätzliche Verletzung der ohnehin geschädigten Hornhaut. Im Projekt AmnioClip entwickelt ein interdisziplinäres Team der DGFG gemeinsam mit einem externen Partner einen Clip-Ring, ähnlich einer Kontaktlinse. Die Amnionmembran wird in diesen Haltering eingespannt und nahtlos auf das zu behandelnde Auge gesetzt. Die Fertigstellung ist nach erfolgreicher Durchführung der Sicherheitsstudie für 2017 angedacht.

 

Vorpräparierte humane Hornhauttransplantate für DMEK

Lamelläre Hornhauttransplantationen sind Eingriffe am Auge, bei denen Ärzte nur hauchdünne Schichten der Hornhaut transplantieren. Augenärzte präparieren bislang diese dünnen Lamellen direkt vor der Transplantation im OP. Das Ausfallrisiko gerade bei ungeübten Transplanteuren ist dabei hoch. Die DGFG hat ein deutschlandweit einmaliges Verfahren entwickelt, um Lamellen für DMEK direkt in der Hornhautbank herzustellen. Die Genehmigung des Paul-Ehrlich-Instituts für das Inverkehrbringen liegt seit Dezember 2015 vor. Der Arbeits- und Zeitaufwand für Augenärzte im OP verringert sich. Gleichzeitig ist sichergestellt, dass die Hornhauttransplantation auch tatsächlich stattfindet. Zurzeit untersucht eine Studie die Anwendung einer neu entwickelten Transportkartusche für ein optimales Einbringen der Lamelle ins Auge des Patienten.

Weitere Informationen: Vorpräparierte Hornhautransplantate für DMEK – Kontrollierte Herstellung in der Gewebebank (Der Augenspiegel 09/2016)

 

EuroGTP II – Good Practices for demonstrating safety and quality through recipient follow up

Die DGFG ist Projektpartner des europäischen Verbundprojekts EuroGTP II. Es geht um mehr Sicherheit und Qualität bei der Gewebetransplantation. Die Förderung erfolgt über einen Zeitraum von drei Jahren im Gesundheitsprogramm von Horizon 2020. Gemeinsam mit weiteren Gewebebanken aus Spanien, Italien, Kroatien, UK, Polen, Niederlande, Belgien, Bulgarien, Ungarn und Finnland erarbeitet die DGFG im Rahmen von EuroGTP II europaweit geltende „Good Practices“ für die Zell- und Gewebeprozessierung und des Patienten Follow-up. Die Partner von EuroGTP II möchten mehr Sicherheit und Effizienz beim Einsatz etablierter Therapien für alle gewebeprozessierenden und -transplantierenden Einrichtungen erreichen.

Weitere Informationen zum Projekt EuroGTP II (in Englisch):

EuroGTP-II-Info-Flyer

EuroGTP II Newsletter January 2017