„Wir sind froh, dass noch zwei Augen den Blick auf uns haben.“

Ingrid und Heike Spohn erzählen von ihren Erfahrungen als Angehörige eines Gewebespenders.

Spohn_Web„In diesem Frühjahr werden es schon zwei Jahre, die mein Vater nicht mehr bei uns ist. Er starb an einer schweren Krebserkrankung. Kurz vor seinem Tod erlitt er dann auch noch einen Schlaganfall im linken Auge. An dem Morgen nach seinem Tod rief eine Koordinatorin für Gewebespende von der DGFG bei uns an. Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass mein Vater noch für eine Gewebespende in Frage kommen würde. In Ruhe und voller Ausführlichkeit wurden wir über die Möglichkeit der Augenhornhautspende informiert. Anschließend haben wir um ein wenig Bedenkzeit gebeten. Meiner Mutter und mir wurde schnell klar, dass mein Vater genau das gewollt hätte: anderen Menschen auch nach seinem Tod zu helfen. Wir stimmten der Spende seiner Augenhornhäute selbstverständlich zu“, erinnert sich Heike Spohn. „Mein Mann wurde vor mehr als 30 Jahren an den Ohren operiert und erhielt Gehörknöchelchen von einem Gewebespender. Seitdem hatten wir beide einen Organ- und Gewebespendeausweis. Auch im Nachhinein kann ich es jedem nur empfehlen, sich für eine Gewebespende zu entscheiden. Wir haben in der Zwischenzeit viel mit unseren Bekannten und Freunden gesprochen. Überall trafen wir auf Zustimmung zu dieser Entscheidung, doch auch auf sehr große Wissenslücken. Wie auch wir damals sind sich die Leute überhaupt nicht über die Möglichkeit der Gewebespende bewusst. Viele wissen nicht, welche Form von Gewebe unter welchen Voraussetzungen gespendet werden kann, wie viel Zeit man für die Entscheidung sowie Entnahme hat, dass es auch hierbei Wartelisten für Gewebetransplantate gibt und wie sehr man anderen Menschen damit letztendlich helfen kann. Uns tröstet es sehr, dass heute noch zwei Augen den Blick auf unsere Welt haben können“, ergänzt Ingrid Spohn.

Vier Wochen später erhielten wir die Nachricht, dass eine Hornhaut einer älteren Dame, die andere einem älteren Herren erfolgreich transplantiert werden konnte. Das hat uns sehr gefreut!

Ingrid und Heike Spohn werfen einen Blick zurück

Ingrid und Heike Spohn (v. l. n. r.) werfen einen Blick zurück

Für Heike und Ingrid Spohn ist ihr Leben heute zwar ein anderes als noch vor zwei Jahren. Doch in der Gewebespende finden beide Trost. „Auch die Cousine meiner Mutter starb vor rund drei Jahren an Krebs. Damals hat uns niemand angerufen. Keiner hat uns persönlich im Krankenhaus damit konfrontiert. Keiner hat uns danach gefragt, ob sie bereit gewesen wäre, ihre Gewebe zu spenden. Und das wäre sie definitiv gewesen. Sie hatte schon seit vielen Jahren einen Spenderausweis. Wir wussten alle um ihre Entscheidung Bescheid und hätten der Spende in jedem Fall zugestimmt. Mich macht der Gedanke wütend, dass die Gewebespende in den Kliniken kaum eine Rolle spielt, sie regelrecht vergessen oder auch bewusst außer Acht gelassen wird. Da wird man in einer Klinik aufgenommen und nach sämtlichen Dokumenten gefragt. Weshalb fragt da niemand nach der Entscheidung zur Organ- und Gewebespende? Das verstehe ich nicht. Dabei könnten so viele Menschen auch noch nach dem Tod Gutes tun. Das ist so einfach und spendet den Angehörigen Trost in einer solch schweren Zeit des Verlustes.“ Heike und Ingrid Spohn liegt die Aufklärung zur Gewebespende sehr am Herzen. „Wir möchten unsere positive Erfahrung mit der Gewebespende den Leuten dort draußen mit auf den Weg geben. Vielleicht wird es irgendwann einen Kreis geben, in dem wir unsere Erfahrungen auch mit anderen Angehörigen, die gleiches oder ähnliches durchlebt haben, teilen können“, sagt Ingrid Spohn.