Gewebespendekoordinator: besonders und nicht alltäglich

DGFG-Koordinatoren Li Kaltanecker, Dr. Andrea Thäder-Voigt und Matthias Polzin erzählen von sich und ihrer Arbeit am Standort im Universitätsklinikum in Dresden.

Wie sieht euer Alltag als Gewebespendekoordinatoren in Dresden aus?

Matthias: Als erstes gehen wir die Verstorbenenmeldungen aus den Krankenhäusern durch. Wir betreuen das Universitätsklinikum und Herzzentrum Dresden, das St. Joseph-Stift und das Städtische Klinikum Dresden Friedrichstadt, das Fachkrankenhaus Coswig, das Elblandklinikum Radebeul und das HELIOS Klinikum Pirna. Bei den Ärzten erkundigen wir uns nach Erkrankungen und möglichen Ausschlusskriterien. Kommt der Verstorbene für eine Gewebespende in Frage, setzen wir uns mit den Angehörigen in Verbindung. Willigen die Angehörigen im Sinne des Verstorbenen in die Gewebespende ein, kommt es zur Entnahme.
Li: Neben dem normalen Dienst gibt es noch den Bereitschaftsdienst für die Organspende. Da betreuen wir dann die ganze Region Ost. Weil Organspenden meist nachts durchgeführt werden, müssen auch wir nachts los. Der Bereitschaftsdienst geht eine Woche, in der man rund um die Uhr erreichbar sein muss.
Matthias: Seit März arbeiten wir mit der Kriminalpolizei in Dresden in einem Pilotprojekt zusammen, wo es um die Verstorbenenmeldungen mit unnatürlichen Todesursachen geht. Die Kriminalpolizei leitet nach Rücksprache mit den Angehörigen deren Daten an uns weiter, so dass wir uns dann zeitnah mit den Angehörigen in Verbindung setzen können.
Li: Wir freuen uns sehr, dass uns die Kriminalpolizei in Dresden in der Gewebespende unterstützen möchte.

Dr. Andrea Thäder-Voigt, Li Kaltanecker und Matthias Polzin (v. l. n. r.)

Dr. Andrea Thäder-Voigt, Li Kaltanecker und Matthias Polzin (v. l. n. r.)

Was macht für euch die Arbeit bei der DGFG so besonders?

Matthias: Es ist kein so alltägliches Arbeitsumfeld. Man hat mit Verstorbenen zu tun, was etwas Besonderes ist. Die DGFG ist außerdem recht flexibel und familienfreundlich.
Andrea: Das Besondere an der Arbeit bei der DGFG ist für mich das interessante Thema an sich sowie die medizinischen und sozialen Geschichten, die dahinter stehen.
Li: Für mich ist auch das Besondere, dass man jeden Tag zur Arbeit kommt ohne zu wissen, was einen erwartet.

Was war die schönste Erfahrung bei eurer Arbeit?

Andrea: Die schönste Erfahrung für mich waren zwei Briefe von Angehörigen, in denen sie sich für die Möglichkeit, Gewebe zu spenden, bei mir bedankt haben. Oder gestern z. B. hatte ich mit jemandem Kontakt, der mir viel Glück gewünscht hat. Das bestärkt einen dann auch nochmal.

Was sagt euer Umfeld zu eurer Tätigkeit als Gewebespendekoordinatoren?

Andrea: Meine Familie ist stolz auf mich und meine Arbeit, mit der ich am Ende jemandem helfen kann. Ich erhalte aber auch das Feedback, dass wir einen sehr verantwortungsvollen Beruf haben. Dieser Job braucht andererseits auch sehr viel Unterstützung von der Familie, gerade wenn man Kinder hat.
Li: Dass ich einen verantwortungsvollen Job habe, bekomme ich auch so kommuniziert. Manchen bereitet der Gedanke daran aber auch Unbehagen. Sie geben zu, so etwas selbst nicht machen zu können. Sie fragen dann auch, wie man dann damit umgeht. Man sieht ja auch mal jüngere Patienten.
Matthias: Meine Familie findet meine Arbeit auch gut und unterstützt mich da. Die Leute finden das total interessant und haben Respekt davor. Sie könnten sich selbst jedoch nicht an eine solche Tätigkeit gewöhnen. Ich habe aber noch niemanden kennengelernt, der Gewebe- oder Organspende generell ablehnt.

Was ist für euch eine besondere Herausforderung?

Matthias: Ich persönlich finde die Angehörigengespräche am herausforderndsten. An die Entnahme kann man sich gewöhnen, aber die Angehörigen sind ganz unterschiedlich. Man weiß vorher nie, wie sie reagieren.
Andrea: Ja, das stimmt. Man muss zudem ja auch einschätzen können, ob der Angehörige jetzt auch verstanden hat, was eine Gewebespende bedeutet. Man hofft natürlich, dass am Ende das gespendete Gewebe auch transplantabel ist. Gibt es dann doch die Situation, dass die Hornhäute nicht zur Transplantation freigegeben werden konnten, muss das auch verdaut werden können.

Eingang zum Campus des Universitätsklinikums in Dresden

Eingang zum Campus des Universitätsklinikums in Dresden

Seit wann arbeitet ihr bei der DGFG?

Li: Ich arbeite seit Dezember 2007 hier. Damals haben wir mit drei Seiten Papier angefangen. Jetzt sind wir bei einer elektronischen Spenderdatenbank angekommen.
Andrea: Ich bin seit Februar 2009 bei der DGFG, erst in Leipzig und nach meiner Elternzeit seit Anfang 2012 in Dresden.
Matthias: Ich bin seit März 2015 bei der DGFG. Die Einarbeitung fand in Halle statt. Kurz bevor Andrea wieder in Mutterschutz gegangen ist, bin ich hier her nach Dresden gekommen.
Li: Das ist übrigens auch eine schöne Erfahrung, wenn man nicht mehr der alleinige Bestreiter des Standorts ist.

Wie seid ihr zur DGFG gekommen?

Li: Ich habe direkt nach meinem Biologiestudium als Koordinatorin in Dresden angefangen.
Andrea: Ich habe auch in Dresden Biologie studiert und anschließend promoviert. Damals hatte ich ein Jahr lang mit Frau Prof. Engelmann aus Chemnitz an dem Projekt zum Amnionring gearbeitet. Da ich schon einige Kontakte hatte, habe ich mich direkt bei der DGFG beworben.
Matthias: Ich habe Ernährungswissenschaften studiert und fing erst als Fahrer bei der DGFG an. Später kam dann die Frage, ob ich mir als Naturwissenschaftler auch die Arbeit als Gewebespendekoordinator vorstellen kann. Plötzlich ging dann alles ganz schnell.

Was treibt euch in eurer Arbeit an?

Li: Der soziale Aspekt, anderen Menschen zu helfen.
Andrea: Bei mir kommt noch ein persönlicher Aspekt hinzu. Meine Mutter hat mittlerweile auf beiden Seiten ein Hornhauttransplantat.
Matthias: Was mich außerdem antreibt ist das Medizinische an sich: Man erfährt viel über bestimmte Krankheiten und medizinische Hintergründe.

Was macht der Standort Dresden für euch so lebenswert?

Andrea: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dresden hat viel zu bieten, sei es kulturell oder als Stadt zum Einkaufen.
Li: Ich liebe Dresden. Ich bin hier aufgewachsen und möchte eigentlich auch nicht weg. Man ist schnell in der sächsischen Schweiz, wo man Wandern oder Kanufahren kann.
Matthias: Anfangs habe ich mich gescheut, von Halle nach Dresden zu ziehen. Hier kochte damals diese Montagsbewegung mit Pegida auf. Aber mir gefällt Dresden total gut. Die Stadt hat viel zu bieten.

Welcher Beschäftigung geht ihr in eurer Freizeit am liebsten nach?

Andrea: Ich verbringe viel Zeit in unserem Garten. Ich habe drei Kinder und daher mit der Familie viel zu tun. Da ich sehr wissbegierig und neugierig bin, habe ich angefangen, mich ein wenig politisch zu orientieren.
Li: Ich genieße das Kulturelle mit Freunden und gehe gerne ins Kino oder Museum. Privat probiere ich gerne mal etwas Neues aus und übe einen neuen Tanz ein. Letztes Jahr habe ich mit Salsa angefangen.
Matthias: Ich habe eine kleine Tochter, die ich nach der Arbeit natürlich bespielen und bespaßen möchte. An Wochenenden versuchen wir, viel raus zu gehen.

Wie würdet ihr einem Kind die Gewebespende beschreiben?

Andrea: Wir hatten das Thema Beruf im Kindergarten. Es gibt für alles einen Arzt, aber das, was ich mache, kennt niemand so wirklich. Ich habe mir daher Folgendes ausgedacht: Ich kümmere mich darum, dass kranke Menschen eine besondere Medizin bzw. ein besonderes Hilfsmittel bekommen und das Hilfsmittel wird einem toten Menschen entnommen.
Matthias: Ich habe meiner Tochter die Gewebespende so erklärt, dass es Menschen gibt, die nur ganz schlecht sehen können und dass es keinen Ersatz dafür gibt. Diese Menschen können nur geheilt werden, indem ein verstorbener Mensch einen Teil von sich hergibt, der das kaputte Teil ersetzt.
Li: Ich habe der Tochter von Freunden erklärt, dass Menschen versterben und sich manche bereit erklären, noch etwas zu schenken. Es gibt Patienten, die dieses Geschenk des anderen annehmen, um nach einer Augenerkrankung wieder sehen zu können.