Koordination von Gewebespenden – manchmal auch auf der Autobahn

DGFG-Koordinatoren vom Standort Essen erzählen im Interview von ihren ganz persönlichen Herausforderungen und Erfahrungen in der Gewebespende.

Die Anzahl der Gewebespenden hat sich in der Region NRW innerhalb der letzten zwei Jahre mehr als verdoppelt. Allein im letzten Jahr sind insgesamt sechs Krankenhäuser aus zwei Knappschaftsklinikverbünden dem Netzwerk der DGFG beigetreten. Unsere (Alt-)Essener Koordinatoren erzählen im Interview von einem der wohl exotischsten Jobs überhaupt: der Koordination von Gewebespenden.

(Alt-)Essener Koordinatoren Tim Bönig, Sabrina Schmidt, Daniel Lochmann und Anna Wiesner (v. l. n. r.) im DGFG-Interview

(Alt-)Essener Koordinatoren Tim Bönig, Sabrina Schmidt, Daniel Lochmann und Anna Wiesner (v. l. n. r.) im DGFG-Interview

Seit wann arbeitet ihr bei der DGFG und wie seid ihr zur DGFG gekommen?

Daniel: Ich bin seit April 2011 bei der DGFG. Davor habe ich viele Jahre bei der DSO und als Transplantationskoordinator im Uniklinikum Essen gearbeitet. Ich bin über einen damaligen Kommilitonen aus dem Studium zur DGFG gekommen, der damals als Koordinator den Standort in Essen aufgebaut hatte. Am Anfang lag der Schwerpunkt auf der Gewebespende bei Organspendern. Da war die Trennung von DSO und DGFG noch relativ frisch. Das Spendeprogramm bei Herz-Kreislauf-Verstorbenen war noch im Aufbau.
Sabrina: Ich bin seit Oktober 2015 bei der DGFG. Zuvor habe ich in Greifswald Biologie studiert.
Anna: Ich habe im November 2014 bei der DGFG am Standort in Essen angefangen. Seit Dezember 2017 arbeite ich an unserem neuen Standort im St.-Elisabeth-Krankenhaus in Dortmund, einem Haus der St.-Johannes-Gesellschaft.
Tim: Ich bin erst seit 1. Januar 2018 bei der DGFG am Standort in Essen tätig. Bei der Literaturrecherche für meine Abschlussarbeit bin ich auf die DGFG gestoßen, da ich folgenden interessanten Artikel im Internet gefunden habe: „Mehr Spender, noch höherer Bedarf“. Der Artikel ist Anfang 2017 im Rheinischen Ärzteblatt erschienen. Die letzten Wochen wurde ich am Standort in Krefeld bei Dr. Astrid Schulte eingearbeitet. Gestern war ich das erste Mal bei einer Organspende als Gewebespendekoordinator dabei.

Wie sieht euer Alltag am DGFG-Standort in Essen aus?

Sabrina: Es gibt sicherlich auch Tage, wo sich alles vom Büro aus telefonisch oder über die Zugänge evaluieren lässt. Aber rund 1.000 Kilometer im Monat fahren wir bestimmt, um Gewebespenden in dieser Region realisieren zu können.
Daniel: Im Unterschied zu anderen Standorten befindet sich unser Büro nicht in einem Klinikum. Wir haben in NRW viele große Standorte strategisch verteilt. Die Wege, die wir für eine Spende zurücklegen müssen, sind zwar nicht sonderlich weit, dafür kommt es aber tatsächlich vor, dass wir für eine Spende z.B. morgens nach Bochum für die Blutprobe und danach zum Bestatter nach Dortmund für die Entnahme fahren. Wir organisieren uns z.T. auf der Autobahn.

Was ist für euch die größte Herausforderung in eurem Job?

Sabrina: Jeder Tag ist anders. Manchmal ist es eine Herausforderung, die Patientenakte einsehen zu können oder den Arzt rechtzeitig ans Telefon zu kriegen. Manchmal ist es das Angehörigengespräch, das einen herausfordert.
Daniel: Für mich sind die beiden größten Herausforderungen die Aufklärungsarbeit in den Krankenhäusern mit dem klinischen Personal und das einfühlsame Gespräch mit den Angehörigen. Mit der Aufklärungsarbeit erleben wir mittlerweile die ersten Früchte: Es kommt heute tatsächlich auch mal vor, dass jemand einen Organspendeausweis besitzt und seine Entscheidung dort dokumentiert hat. Teilweise wurde die Entscheidung auch in die Patientenverfügung eingearbeitet oder der Verstorbene hat tatsächlich zu Lebzeiten mit seinen Angehörigen darüber gesprochen. Das ist das Ergebnis jahrelanger Aufklärungsarbeit. Ich denke, das wird noch besser werden.

Was treibt euch in eurer täglichen Arbeit an?

Daniel: Die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen. Mit relativ wenig Aufwand kann man viel Gutes tun. Ich habe mich damals schon bei der DSO um den Bereich Gewebespende gekümmert. Es gingen damals so viele Gewebe einfach nur deswegen verloren, weil niemand daran gedacht hatte. Die Gewebespende wird heute noch sehr stiefmütterlich behandelt, obwohl sie so wahnsinnig wichtig ist. Mich treibt außerdem die Herausforderung an, die Gewebespende insbesondere hier in NRW weiter auszubauen. Wir sind das Bundesland mit der höchsten Klinikdichte im gesamten Bundesgebiet. Wir stehen hier erst am Anfang. Die Bereitschaft für die Gewebespende ist auf jeden Fall da, das erleben wir hier jeden Tag.
Sabrina: Mich treibt außerdem bei der Arbeit an, dem Wunsch des Verstorbenen nachzukommen und seinen Angehörigen bei der Trauerbewältigung zu helfen.
Anna: Ich finde es zudem wichtig, das Thema Gewebespende generell weiter zu verbreiten. Auch wenn ich mal eine Ablehnung bekomme, finde ich es schön, wenn die Leute dann trotzdem diese Möglichkeit in Zukunft mitbedenken und auch in der Familie besprechen wollen. Das hilft den Angehörigen ungemein dabei, eine Entscheidung im Sinne des Verstorbenen zu treffen.

Region NRW: Martina Thiebes, Tim Bönig, Sabrina Schmidt, PD Dr. med. Stephan Sixt, Dr. biol. hom. Astrid Schulte, Daniel Lochmann, Martha Perczak und Anna Wiesner (v. l. n. r.)

Region NRW: Martina Thiebes, Tim Bönig, Sabrina Schmidt, PD Dr. med. Stephan Sixt, Dr. biol. hom. Astrid Schulte, Daniel Lochmann, Martha Perczak und Anna Wiesner (v. l. n. r.)

Was war eure bisher schönste Erfahrung bei der Arbeit?

Daniel: Das war damals die erfolgreiche Lebertransplantation bei einem kleinen Jungen, den ich hinterher auf dem Klinikgelände habe laufen sehen. Seitdem bin ich gewonnen für das Thema Transplantation. Die schönste Erfahrung bei der DGFG sind dankbare Angehörige, die berichtet haben, dass die Gewebespende ihres verstorbenen Familienmitglieds ihnen im Trauerprozess geholfen hat.
Sabrina: Auch ich persönlich freue mich immer sehr darüber, wenn man eine Rückmeldung von den Angehörigen bekommt, dass sie sich gut behandelt gefühlt haben und ihnen das Gespräch in ihrer Trauerarbeit geholfen hat.

Was sagt euer Umfeld zu eurer Tätigkeit?

Sabrina: Das, was ich am häufigsten höre, ist: „Ach krass.“ Wenn die Leute noch nicht wissen, was ich mache, ist man auf jeden Fall immer erstmal sehr interessant. Aber wie tief die Leute dann in die Thematik Gewebespende einsteigen möchten, ist ganz unterschiedlich.
Tim: Die Naturwissenschaftler unter meinen Freunden und meine Familie finden meine Tätigkeit ziemlich interessant. Mein Opa mit fast 88 Jahren würde am liebsten alles an Geweben spenden.
Anna: Eine häufige Reaktion auf meine Tätigkeit als Koordinatorin für Gewebespende ist: „Das ist ja ein Job, den echt nicht viele machen.“ Mit so einer Tätigkeit ist man in gewisser Hinsicht exotisch.

Was macht für euch der Standort Essen so lebenswert?

Sabrina: Man kann kulturell durchaus was erleben. In der Philharmonie war ich jetzt schon ein paar mal. Hier gibt es zudem viele Angebote im Bereich Kabarett und Comedy.
Daniel: Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe hier meine Familie. Ich war so viele Jahre unterwegs, aber ich wollte immer wieder nach Essen zurück. Der Baldeneysee ist ein Traum. Die Kokerei (Zollverein) ist sogar Weltkulturerbe. Dennoch muss man hier geboren sein, um et zu möjen.

Welcher Beschäftigung geht ihr in eurer Freizeit am liebsten nach?

Daniel: Es bleibt zwar nicht viel Zeit, aber ich laufe seit vielen Jahren sehr gerne und nehme regelmäßig an Marathons teil. Außerdem habe ich auch noch einen Hund, der beschäftigt werden möchte.
Sabrina: Ich verbringe viel Zeit mit meinem Pflegepferd.
Tim: Ich reise viel und unternehme z.B. Städtetrips am Wochenende. Außerdem koche ich sehr gerne.
Anna: Mein größtes Hobby ist das Tanzen. Vor vier Jahren habe ich mit Salsa angefangen. Seit zwei Jahren tanze ich jetzt Kizomba, einen afrikanischen Tanz aus Angola.