Renate Mahnken, Multiple Sklerose Patientin und mehrfache Empfängerin einer Augenhornhaut, berichtet von ihrem langen Weg zurück zum Sehen, von Geduldsproben und Hartnäckigkeit

Während meiner zweiten Schwangerschaft vor rund 35 Jahren wachte ich eines Morgens mit einem hängenden Augenlid auf. Meine Lidhebersehne wurde daher gekürzt. 14 Tage später trat das Problem erneut auf. Ich erhielt kurz darauf die Diagnose: MS, Multiple Sklerose. Eine Welt brach für mich zusammen. Inzwischen war das Lid vollständig gelähmt. Nur der kleine Spalt der früheren Sehnenverkürzung blieb beim Blick nach unten offen, weshalb mein Gehirn nicht lernen konnte, mit nur einem Auge sehen zu können. Autofahren wurde für mich unmöglich.

Die Beschädigung der Augenhornhaut

Patientengeschichte-Manken-PlaybuttonMein Lid wurde dann mit einem künstlichen Faden mit meiner Augenbraue verbunden. Ich fühlte mich wie neugeboren. Doch das Glück war nicht von langer Dauer. Nach einem halben Jahr hing mein Augenlid wieder. Aus meinem Oberschenkel wurde Sehnenmaterial entnommen, dass den Weg des künstlichen Fadens einnahm. Doch leider war die Sehne ein Stück zu kurz. Wenn ich nachts schlief und gegen die Auflage meines Auges kam, gegen den provisorischen Verband, öffnete sich mein Auge. Es trocknete aus. Der erste Lidschlag am Morgen und auch die Befeuchtungstropfen sorgten für unsägliche Schmerzen. Stellen Sie sich vor, jemand sticht Ihnen ins Auge oder jemand kippt Wasser auf einen glühenden Stein.

Nach einiger Zeit bildeten sich auf meiner Hornhaut Narben, direkt über der Pupille. Ich konnte kaum noch sehen. Bevor ich eine neue Hornhaut bekommen sollte, musste zunächst das Problem mit meinem Augenlid behoben werden.

Die Therapie: Stück für Stück zurück zum Sehen

So kam es, dass ich wieder im Gesicht operiert werden musste: „Oma, nicht böse sein, aber du siehst aus wie ein Alien.“ Heute ist von den vielen Lidoperationen nichts mehr zu erkennen. Ich war dann nun endlich bereit für eine Hornhauttransplantation, mit der ich mein Augenlicht zurückgewinnen sollte. Ich kam zu Prof. Wilhelm nach Schwerin. Nach knapp sechs Wochen Wartezeit kam dann der erlösende Anruf: ein passendes Transplantat wurde für mich gefunden. Die OP verlief reibungslos. Eine Woche später durfte ich die Klinik verlassen. Inzwischen konnte ich mit dem Auge schon mehr sehen, als vor der OP. Mein Gehirn musste lernen, mit dem Sehen erst einmal wieder klar zu kommen, was auch einige Zeit Kopfschmerzen verursachte, die ich aber gerne in Kauf nahm. Sehr kontinuierlich stieg meine Sehleistung auf über 90 Prozent. Schon 14 Tage nach der OP traute ich mir das Autofahren wieder zu.

Von Rückschlägen und Geduldsproben

HeikeMahnken-Augenhornhaut-Transplantation

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Der Professor ermahnte mich zur Vorsicht: „Die Kuh ist noch nicht vom Eis,“ waren seine letzten Worte an mich. Etwa ein halbes Jahr später kam die Erkältungszeit und erwischte auch mich. Mein Auge zeigte eine leicht gerötete Stelle: eine beginnende Abstoßung. Von diesem Schaden konnte sich mein Auge nicht wieder erholen. Gut ein Jahr später bekam ich das zweite Transplantat, nachdem ich wieder rund sechs Wochen gewartet hatte. Wieder kam es nach einem grippalen Infekt zur Abstoßung. Ich hatte diverse Einschränkungen. Wie wichtig wirklich dieses Zusammenspiel der Augen für uns Menschen ist, spürt man erst, wenn man selbst davon betroffen ist. So konnte ich trotz größter Konzentration die Abstände beim Basteln nicht einschätzen. Ich bekam beim Nähen den Faden nicht mehr in die Nadel. Ich habe mich viel geärgert. Es war wirklich ein langer und schwieriger Weg. Immer wieder wollten mir die Ärzte mein Auge zunähen oder es mit Bindehaut überziehen. Doch weshalb sollte ich das meinem Auge, das über einen intakten Sehnerv verfügt, antun? Ich blieb hartnäckig – mit Erfolg.

Dran bleiben – Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Im August 2017 erhielt ich meine mittlerweile fünfte Hornhaut. Chefarzt Dr. Chankiewitz von der Augenklinik im Klinikum Bremen-Mitte transplantierte mir zum ersten Mal Limbusstammzellen von meinem rechten ins linke Auge. Mein Blut wurde typisiert. Nach einem knappen halben Jahr kam dann der erlösende Anruf. Es wurde eine passende Hornhaut gefunden und ich wurde erneut operiert. Wenn mein Auge mich eines gelehrt hat, dann ist es Geduld. Aber ich bin guter Dinge und hoffe, dass mir nach der letzten Transplantation die Unsicherheit auf den Beinen, die starken Schwindelgefühle und auch Schmerzen bis an mein Lebensende erspart bleiben und das ich noch einmal meine Unabhängigkeit durch das Autofahren zurückerlange. Wenn mich heute jemand fragt, würdest du den Weg noch einmal gehen: jederzeit wieder!

Würdest du den Weg noch einmal gehen? Jederzeit wieder!

Wir haben Renate Mahnke im Oktober 2017 besucht und bedanken uns recht herzlich bei ihr für ihre persönliche Geschichte. Um die Aufklärungsarbeit zur Gewebespende vorantreiben zu können, freuen wir uns über Erfahrungsberichte an presse@gewebenetzwerk.de.