Gewebespende unverzichtbar für Dezellularisierung von Herzklappen

Prof. Dr. Dr. h.c. Axel Haverich im DGFG-Interview

Das Forscherteam um Prof. Axel Haverich, Leiter der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie (HTTG) der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), untersucht im Rahmen der beiden Studien ESPOIR und ARISE die Implantation dezellularisierter Herzklappen. Prof. Haverich spricht im Interview über die Bedeutung dezellularisierter Herzklappen und der Gewebespende.

Was waren Anlass und Ziel der beiden Studien ESPOIR und ARISE?

Der Anlass für die erste Studie ESPOIR war die Notwendigkeit, insbesondere für Kinder, anhaltend funktionsfähige Herzklappen zu entwickeln. Damals konnte man nur tierische Herzklappen mit sehr begrenzter Lebensdauer oder mechanische Herzklappen mit der Notwendigkeit einer lebenslangen blutverdünnenden Medikation bereitstellen. Beide Verfahren waren mit schweren Nebenwirkungen und Nachteilen für die Kinder verbunden. Das war der Anlass, warum wir nach einer besseren Alternative gesucht haben. Das Ziel der Studie war dann schließlich, nachdem wir eine ganze Reihe von Patienten im Rahmen von Heilversuchen behandelt haben, diese Therapie über mehrere Standorte und Länder hinweg zu testen und nachzuweisen, dass sie eine bessere Alternative ist. ARISE ist die Nachfolgestudie, wo wir nicht die Pulmonalklappen, also die Herzklappen auf der rechten Seite, sondern die mechanisch sehr viel stärker belastete linke Herzklappe, die Aortenklappe, implantiert haben. Das hätten wir uns zu Beginn der ESPOIR-Studie gar nicht getraut, da wir nicht wussten, ob die mechanische Haltbarkeit dieser Klappen langfristig gegeben war. Während der Laufzeit der ersten Studie haben wir allerdings Tierexperimente durchgeführt und da zeigte sich, dass die mechanische Haltbarkeit dieser Klappen hervorragend ist. Diese Ergebnisse waren Anlass für eine internationale Studie mit diesen Herzklappen für die Aortenposition, also in der mechanisch stark belasteten Herzseite.

Für die Studie wurde bei der Europäischen Union eine eigene Ethikkommission eingerichtet. Diese Ethikkommission wurde für notwendig erachtet, weil es die erste klinische Studie ist, die die EU finanziert hat und bei Kindern durchgeführt wurde. Diese Ethikkommission hat zwei wichtige Dinge gesagt: Zum einen, dass diese Studie nur an Kindern durchgeführt werden darf, um das Wachstum dieser Klappen zu belegen. Zum anderen, dass man auch bedenken sollte, Frauen mit Kinderwunsch primär mit solchen Klappen zu versorgen. Gerade um eine Schwangerschaft herum können herkömmliche Herzklappen zu großen Problemen führen. Hier haben wir alsodurch die Ethikkommission zusätzliche Hinweise erhalten. Die Gutachter, die das Konzept wissenschaftlich geprüft haben, haben darauf hingewiesen, dass dieses Konzept der Dezellularisierung möglichst rasch auf andere Gewebe übertragen werden sollte. Die Ergebnisse, die wir erzielt haben, seien doch so gut, dass man auch bei Knochen, Haut und anderem Gewebe über das Verfahren der Dezellularisierung dringend nachdenken sollte.

Prof. Haverich im Interview


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Was ist das Besondere dezellularisierter Herzklappen?

Die Besonderheit liegt darin, dass keine Zellen mehr in dem Gewebe enthalten sind. Am Ende bleibt nur noch die nackte Matrix übrig. Es bestand die Befürchtung, dass die Stabilität an dieser Stelle nicht mehr ausreicht. Das ist nicht so. Die Zellen selbst tragen überhaupt nicht zur Stabilität des Implantates bei. Aber sie tragen sehr wohl dazu bei, dass sie vom Empfänger abgestoßen werden. Das Problem von herkömmlichen gespendeten menschlichen Herzklappen ist, dass es dort zu Abstoßungsvorgängen kommt, bei Kindern noch mehr und früher als bei Erwachsenen. Durch das Entfernen aller Zellen mit einem komplexen chemischen Verfahren gelangen wir nach ca. sechs Monaten tatsächlich zu einem vollständig Patienten-eigenen Transplantat.

Welche Vorerfahrungen wurden mit dezellularisierten Herzklappen bereits gemacht und wo stehen wir heute?

Die allerersten Erfahrungen machten wir in Tierexperimenten, die sehr vielversprechend waren. Wir haben das Verfahren der Dezellularisierung, des Herausnehmens aller Zellen, im Verlauf mehrfach verändert. Inzwischen ist es so, dass ESPOIR letztes Jahr nach fünfjähriger Laufzeit abgeschlossen wurde mit wirklich hervorragenden Ergebnissen an allen acht Standorten – weit besser, als mit irgendeiner herkömmlichen Herzklappe. Die Auswertungen gehen weiter, sodass wir auch nach zehn und fünfzehn Jahren noch Langzeitergebnisse überprüfen können. Die ARISE-Studie mit einer Laufzeit von ebenfalls fünf Jahren ist in vollem Gange. Die Zwischenergebnisse, die wir hier bereits erzielt haben, sind ebenso sehr erfolgsversprechend. Aber auch hier ist die eigentliche Frage, wie sehen diese Klappen nach zehn und fünfzehn Jahren aus.

Welchen Stellenwert schreiben Sie der Gewebespende in diesem Zusammenhang zu?

Die Gewebespende ist unverzichtbar, wie es unverzichtbarer gar nicht geht, denn sie ist die unmittelbare Voraussetzung dafür, dass wir diese Form der Therapie unseren Patienten, vor allem den Kindern, bieten können. Die Gewebespende ist unabdingbar notwendig, um diese Therapie anbieten zu können.

Wie sehen Sie die Zukunft für diese Therapie?

Ich glaube, die Zukunft ist rosig. Wenn man die Reaktionen der Patienten ansieht, dann ist das phänomenal. Die Kranken, die eine neue Herzklappe brauchen und noch nicht im fortgeschrittenen Lebensalter sind, fragen heute schon bewusst danach. Zusammen mit den Gewebebanken und den chirurgischen Einrichtungen müssen wir dafür Sorge tragen, dass wir die Therapie tatsächlich vielen Patienten anbieten können. Hier ist ein Engpass, den wir gemeinsam versuchen müssen zu beseitigen.

ESPOIR und ARISE

Im Januar 2012 startete die ESPOIR-Studie („European clinical study for the application of regenerative heart valves“), an der neben der MHH sieben große europäische Kinderherzzentren teilnahmen. Insgesamt wurden über 100 Patienten behandelt. Eine weiteren Studie zu „Aortic Valve Replacement using Individualised Regenerative Allografts: Bridging the Therapeutic Gap“ (ARISE) startete Anfang 2015. Hier nutzen die Mediziner unter der Leitung der MHH das Prinzip der dezellularisierten Herzklappe, wie es in der ESPOIR-Studie bereits für die Lungenschlagaderklappe (Pulmonalklappe) eingesetzt wird, für einen neuen Aortenklappen-Ersatz. An der Studie ARISE nehmen neben der MHH fünf weitere führende europäische Herzzentren teil. Insgesamt werden in der ARISE-Studie rund 120 Patienten behandelt. Der Einschluss von Patienten in beide Studien erfolgte in Zusammenarbeit mit einem unabhängigen, speziell für die Studie gegründeten, internationalen Ethik-Komitee unter Beteiligung europäischer Patientenorganisationen. Finanziell unterstützt wurden die Studien von der Europäischen Union. Die menschlichen Spenderklappen stammen aus Gewebespenden von zwei gemeinnützigen Einrichtungen, der DGFG und der European Homograft Bank Brüssel. Die Dezellularisierung der Herzklappen hat die Firma Corlife durchgeführt.